Nach 1945

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Graz ab 1945

Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus und der Befreiung durch die Alliierten kam es ab 1945 zur vereinzelten Rückkehr ehemaliger Mitglieder. Zu den Rückkehrern nach Graz und der Steiermark zählten mit ihren Familien in weiterer Folge etwa die bekannten Rechtsanwälte Dr. Ludwig Biro und Dr. Fritz Strassmann, Hugo Kaufmann, Oskar Pichler, Harry Brady (Voitsberg), Walter Haas (Mürzzuschlag), Franz Benedek (Fohnsdorf), Rudolf Heller, Harald Salzmann, Alfred Klein, Artur Fürst, Berthold Sonnenwald, Dipl. Ing. Otto Rendi, Walter Sonnenschein, Karl Latzer oder Adolf Gottlieb (Judenburg). In der Steiermark waren nach der Befreiung zudem Juden, die zumeist Konzentrations- oder Arbeitslager überstanden hatten, in sogenannten DP-Lagern untergebracht. Solche befanden sich etwa in Admont oder St. Marein bei Kapfenberg. Menschen aus diese beiden Gruppen bildeten letztlich die Basis für die Neugründung einer jüdischen Gemeinde in Graz. Bereits im Frühjahr 1946 konstituierte sich die Israelitische Kultusgemeinde unter dem designierten Vorsitzenden Isidor Preminger (1884-unbek.) wieder.

Die jüdische Gemeinde fand ihr neues zu Hause im ehemaligen Amtshaus, in dem einst die jüdische Schule untergebracht war. Im ersten Stock desselben wurde ein bedarfsmäßiger Betsaal eingerichtet, der mehr als zwei Jahrzehnte als Andachtsstätte dienen sollte. Nach Rückstellung des jüdischen Friedhofes wurde auch dort eine bescheidene Zeremonienhalle errichtet.

Unter der Präsidentschaft von Dr. Fritz Strassmann (1904-1980) erfolgte 1969 der Ausbau von Einheiten im Amtshaus am Grieskai 58 und wurden im Zuge derselben im Erdgeschoss des Gebäudes damals ein würdigerer Betsaal mit fixem Thoraschrein errichtet. Im selben Komplex erhielt die Grazer Kultusgemeinde auch ihre Büroräumlichkeiten.

Während die Kontakte der jüdischen Gemeinde Graz zur nichtjüdischen Umwelt und die Teilnahme am offiziellen Leben der Steiermark in den ersten dreieinhalb Jahrzehnten als relativ bescheiden, ja quasi nicht existent zu bezeichnen sind, so änderte sich dies erst unter der Amtszeit des Grazer Bürgermeisters Alfred Stingl. Mehr als zweiunddreißig Jahre hatten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergehen müssen, bis ein Grazer Bürgermeister der jüdischen Gemeinde der Stadt einen Besuch abstattete. Am 6. Juli 1987 wurde Stingl von Präsident Kurt Brühl in den Amtsräumlichkeiten der Gemeinde empfangen und besichtigte dabei auch das Bethaus.

Noch 1981 war die Stadt Graz mit dem Ansinnen der Übernahme des Synagogengrundstückes als Verkehrsfläche an die Kultusgemeinde herangetreten, was von dieser unter Hinweis auf die Heiligkeit des Ortes abgelehnt worden war. 1988, 50 Jahre nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich, setzt die Stadt Graz ihren in der Zeit des Nationalsozialismus vertriebenen und ermordeten Bürgern und ihrer zerstörten Synagoge in Form einer von Jörg & Ingrid Mayr geplanten Gedenkstätte endlich auch ein Zeichen kommunaler Erinnerung: Im Gedenkjahr erfolgte die Freilegung der noch vorhandenen (Außen)Grundmauern der alten Synagoge, in deren Mitte ein sieben Tonnen schwerer Gedenkstein  in Form eines Granit-Monolithen der Firma Stein von Grein platziert wurde. Zeitgleich erfolgte die Umbenennung der Verkehrsfläche „Grieskai 58“ in „Synagogenplatz“.

Mit Unterstützung der Stadt Graz und des Landes Steiermark konnte auch die Errichtung einer neuen Zeremonienhalle auf dem jüdischen Friedhof realisiert und diese am 11. November 1991 ihrer Bestimmung übergeben werden.

Am 21. Oktober 1998 haben alle im Grazer Stadtparlament vertretenen politischen Fraktionen die Wiedererrichtung der Grazer Synagoge und die Bereitstellung entsprechender Finanzierungen beschlossen. An der Errichtung beteiligten sich neben privaten Sponsoren vor allem das Land Steiermark und der Nationalfonds der Republik Österreich. Am 9. November 2000, 62 Jahre nach der Zerstörung der alten Synagoge, konnte der neue Bau in Anwesenheit von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil sowie einer Anzahl 1938/39 aus Graz vertriebener Juden und Jüdinnen der Grazer jüdischen Gemeinde unter Präsident Konsul Kurt Brühl (1929-1914) übergeben werden. Das Synagogengrundstück erhielt in Erinnerung an den langjährigen und vertriebenen steierischen Landesrabbiner Univ. Prof. Dr. David Herzog (1869-1946) im Zuge dessen die gegenwärtige Orientierungsbezeichnung „David Herzog Platz 1“.

2013 etablierte sich die Jüdische Gemeinde Graz aus verwaltungstechnischen Gründen analog zu jener in Baden bei Wien als Tochtergemeinde der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, zugleich wurde die Jüdische Kultusstiftung für die Steiermark, Kärnten und das südliche Burgenland geschaffen, der der gegenwärtige Präsident der Jüdischen Gemeinde Graz auch als Vorstand bzw. Generalsekretär vorsteht.

Im November 2015 erfolgte unter der Präsidentschaft von Dr. Ruth Kaufmann die Eröffnung eines von ihr konzipierten Holocaust- und Toleranzzentrums, welches mit einer Dauerausstellung im Untergeschoss der Synagoge untergebracht war. Die Unterbringung der Ausstellung im (einzigen) Zentrum (lebendigen) jüdischen Lebens hatte schon im Vorfeld zwischen den Gemeindemitgliedern heftige Widerstände ausgelöst. Hinzu kam, dass ein musealer Betrieb aufgrund der hohen Sicherheitsvorkehrungen sich als nur schwer praktikabel erwies. Nach dem Abgang von Präsidentin Ruth Kaufmann als Präsidentin der jüdischen Gemeinde erfolgte unter Präsident Elie Rosen eine Verbringung der Ausstellung im April 2017.

Im März 2016 präsentierte sich die Jüdische Gemeinde Graz mit einem „Tag der offenen Türe“ erstmals einer breiten Öffentlichkeit. Mehr als zweitausend Personen haben damals ihr erfreuliches Interesse an jüdischer Kultur gezeigt.

Ebenfalls im März 2016 erfolgte die präsidiale Übernahme der Leitung der Gemeinde durch den Vizepräsidenten des Bundesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs und Präsidenten der Jüdischen Gemeinde zu Baden bei Wien Präsident Kultusrat MMag. Elie ROSEN, der von Beginn an die Konsolidierung und den Ausbau des jüdischen Lebens in Graz als für seine Arbeit vorrangig maßgeblich hervorhob und damit die Wiederetablierung und Stärkung eines Gemeindelebens in Graz zum Schwerpunkt seiner Tätigkeit machte. Die Führung der Gemeinde, insbesondere aber der Synagoge, erfolgt seither konsequent traditionellem Muster nach den Grundsätzen der Halachah.

Über Betreiben des Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Graz  und mit übereinstimmenden Verfügungen des Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Graz, des Präsidenten der  Israelitischen Religionsgesellschaft sowie des Oberrabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien erfolgte am 1. Dezember 2016 die Wiederrichtung des 1938 aufgelösten Landesrabbinates Steiermark mit dem Zuständigkeitsbereich für die Steiermark, Kärnten und das Burgenland und die Bestellung des Wiener Gemeinderabbiners, seiner Ehrwürden Mag. Schlomo Hofmeister MSc. zum steirischen Landesrabbiner sowie Oberrabbiner von Graz.

Im Januar 2017 präsentierte die Jüdische Gemeinde Graz Ihr modulares Bildungsprogramm „Synagoge erleben“, das sich an Schüler- und Erwachsene gleichermaßen richtet. Eine stattliche Anzahl Schulen und Bildungseinrichtungen haben seither von unseren Vorträgen und Workshop Gebraucht gemacht.

Von Mai bis Juni 2017 erfolgte die Errichtung einer großen (koscheren Industrie-) Gemeindeküche im Untergeschoss der Synagoge. Eine solche hatte sich aufgrund des deutlichen Anstieges von religiösen Feierlichkeiten der jüdischen Gemeinde, und insbesondere der damit verbundenen Notwendigkeit der Anlieferung von koscheren Produkten aus Wien, als erforderlich erwiesen.

Von März bis April 2018 erfolgte als Abschluss der nach dem Amtsantritt von Präsident Rosen von 2016 bis 2018 schrittweise durchgeführten Sanierung der Präsidial- und Verwaltungsräumlichkeiten am David Herzog Platz die Einrichtung des Beth HaMidrasch, des jüdischen Lehrhauses, einer vollwertigen kleinen Synagoge, die im Komplex der Amthauses in jenen Räumlichkeiten eingerichtet wurde, an der sich bis 2000 die Grazer Betstube befunden hat. Das Beth HaMidrasch dient religiösen Vorträgen sowie der Abhaltung von Gebeten, wenn die große Synagoge aus raumklimatechnischen Gründen nicht benützt werden kann.

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