Bis 1938

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Graz bis 1938

Die erste Erwähnung einer Ansiedlung von Juden in Graz findet sich im Jahre 1261. Die Gemeinde, die über eine eigene Synagoge und einen Friedhof verfügte, existierte bis zur Ausweisung und Verhängung der Judensperre im Jahre 1439 und konzentrierte sich räumlich auf den Bereich der heutigen Herren,- Stempfer- und Mesnergasse. Die Existenz der Gemeindesynagoge wird von manchen Quellen an Stelle der heutigen Stadtpfarrkirche, jene des Friedhofes im Bereich Neutorgasse/Joanneumring angenommen.

Nach der Aufhebung der Judensperre im Jahre 1447 erfolgte eine zweite Ansiedlung von Juden, die bis zur auf Grundlage des Vertrages vom 18. März 1496 erfolgten „immerwährenden Ausweisung“ durch Kaiser Maximilian I. im Jahre 1497 bestehen sollte.

Das Ansiedlungsverbot von Juden in der Steiermark dauerte nach der Vertreibung 1497 konsequent bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts fort. Noch im letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts wurden Zugeständnisse im Rahmen der josephinischen Toleranzpatente von den steirischen Landeständen für die Steiermark strikt abgelehnt. Die Politik von Kaiser Joseph II. erreichte mit einer Passpflicht lediglich dazu, dass das Aufenthaltsverbot für die Dauer der Jahrmärkte in Graz und Maribor nicht wirksam war.

Nachdem im Gefolge der Revolution des Jahres 1848 das kaiserliche Patent vom 4. März 1849 eine kurzfristige Gleichstellung aller Staatsbürger - unabhängig vom religiösen Bekenntnis - in staats- und privatrechtlichen Belangen brachte, wurde diese nie durch Ausführungsgesetze zur Umsetzung gelangten Zugeständnisse am 31. Dezember 1851 wieder außer Kraft gesetzt. Noch 1860 wurde das Verbot des Grundbesitzes für Juden erneut bestätigt.

1862 wurde dem Antrag des aus Güssing stammenden Weinhändlers Moritz Fürst (1828-1905) auf ständigen Aufenthalt im Instanzenzug recht gegeben und im Gefolge de facto zumindest wirtschaftlich gut situierten Juden der Aufenthalt gestattet.

Zu Beginn des gleichen Jahres hatte der spätere Kultusbeamte Max Schischa (1828-1908) um die Genehmigung der Abhaltung von Gottesdiensten sowie Gestattung der Tätigkeit als Schächter angesucht und in seinem Antrag zwölf in der Stadt anwesende jüdische Familien angeführt sowie ferner vorgebracht, bereits seit 1850 in Graz (temporär) aufhältig zu sein und hier auch geschächtet zu haben. Die Beschäftigung als Schächter wurde ihm sodann im Juli 1862 genehmigt und nach weiteren behördlichen Erhebungen auch die Abhaltung der Gebete gestattet. Die Errichtung einer koscheren Gastwirtschaft war zuvor im Dezember 1861 bereits dem aus Güssing stammenden Ludwig Kadisch (1819-1916) genehmigt worden.

Zuge um Zug die Etablierung eins jüdischen Gemeindelebens ein. Am 22. September 1863 erfolgte die Konstituierung der Israelitischen Korporation, 1864 kam es zur Errichtung einer jüdischen Privatschule, die zuletzt mit Öffentlichkeitsrecht versehen bis zum Jahre 1938 existieren sollte.

Im gleichen Jahr erwarb die Israelitische Korporation schließlich in der der Stadt Graz benachbarten Gemeinde Wetzelsdorf ein Grundstück zur Errichtung eines konfessionellen Friedhofes, der 1865 seiner Bestimmung übergeben werden konnte.

Im Jahre 1865 erhielten die Grazer Juden in einem Seitentrakt von Withalm´s Colisseum, einer Art Convention Hall die sich im Bereich des heutigen Gebietskrankenkassengebäudes befand, eine Synagoge mit mehr als zweihundert Sitzplätzen, die ihr über mehr als zweieinhalb Jahrzehnte ständige Andachtsstätte sein sollte.

Das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Recht der Staatsbürger der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder des Jahres 1867 brachte die Gleichstellung aller Staatsbürger akatholischen Religionsbekenntnisses und somit auch die staatrechtliche Gleichstellung der österreichischen Juden.

Die Gründung einer Kultusgemeinde, mit der regelmäßig eine Pflichtmitgliedschaft sowie die Berechtigung zur Einhebung von Zwangsbeiträgen („Kultussteuer“) verbunden war, sicherte Grazer Judenschaft ab dem Jahre 1869 letztlich die Erhaltung ihrer konfessionellen Einrichtungen ohne hierbei wie bisher allein auf freiwillige Spenden angewiesen zu sein.

Im Jahre 1877 beriefen die steirischen Juden mit dem aus Postelberg stammenden Dr. Samuel Mühsam (1827-1907) ihren ersten ständigen Rabbiner, der bis zu seinem Ableben im Jahre 1907 in Graz wirken sollte.

Erst 1887 bewerkstelligten die Juden Grazs den Ankauf der Liegenschaft Grieskai 58, auf dem sich auch heute noch der Sitz der jüdischen Gemeinde befindet, zur Errichtung einer Synagoge, deren Einweihung zum jüdischen Neujahrsfest des Jahres 1892 erfolgte. Zeitgleich erfolgte auf dem Grundstück auch die Errichtung eines Amtsgebäudes, in dem auch die jüdische Schule untergebracht war.

Der Erweiterung des jüdischen Friedhofes im Jahre 1901 folgte, nach der 1907 vorgenommenen Berufung von Dr. David Herzog zum Landesrabbiner, 1910 die Errichtung einer eindrucksvollen Zeremonienhalle auf demselben durch den Grazer Stadtbaumeister Alexander Zerkowitz (1860-1927). In diesem Jahre sollte die Grazer Kultusgemeinde mit 1.971 Mitgliedern in der Stadt Graz auch ihre höchste Seelenzahl daselbst erreichen.

Der ebenfalls von Zerkowitz durchgeführte Ausbau des Amtshaues am Grieskai brachte 1913/1914 nicht nur die Erweiterung der Räumlichkeiten der jüdischen Schule, sondern auch die Errichtung eines Winterbetsaales samt Frauengalerie mit knapp über 200 projektierten Sitzplätzen im Bereich der heutigen Präsidiumsräumlichkeiten.

Mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich am 12. März 1938 wurde dem blühenden jüdischen Leben in Graz, das durch ein reges Vereinsleben gekennzeichnet war, ein jähes Ende bereitet. Am 21. März 1938 werden das Mitgliederverzeichnis und eine Reihe von Kultgegenständen beschlagnahmt. Sukzessive erfolgt die Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung aus dem beruflichen und öffentlichen Leben. So wird etwa im Mai 1938 ein Badeverbot im „Bad zur Sonne“ sowie ein Schulverbot für jüdische Kinder verhängt und die Auflösung jüdischer Vereine forciert. Bis 4.  November 1938 war glücklicherweise bereits 417 Grazern die Flucht nach Palästina gelungen.

Im Zuge des Novemberpogroms von 9. auf 10. November 1938 kam es zu einer Welle von Verhaftungen jüdischer Männer, von denen über 300 ins Konzentrationslager Dachau deportiert wurden. Die große Synagoge am Grieskai sowie die Zeremonienhalle wurden in Brand gesteckt und in weiterer Folge dem Erdboden gleichgemacht. Im Frühjahr 1940 erklärt sich Graz für „judenrein“.

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