Schwita – Ein Ruhejahr fürs Feld
Schwita – Ein Ruhejahr fürs Feld
(c) Emilio Garcia

Die Zahl Sieben kommt in der jüdischen Tradition, aber auch in anderen Kulturen viele Male vor. Es gibt zahlreiche Theorien dazu, warum gerade diese Zahl so besonders ist. Eine dieser Theorien besagt, dass Sieben für die Perfektion des Schöpfungswerks und der natürlichen Ordnung steht. Ein Beispiel ist das Schwita-Jahr in Israel, das in diesem Jahr 5782 (2022/2023) gefeiert wird. Die Thora schreibt in dieser Landwirtschaftsregel vor, dass Ackerland oder andere, jährlich bewirtschaftete Flächen alle sieben Jahre ruhen sollen und, dass alle Schulden erlassen werden. Diese Vorschrift betrifft aber nur Gebiete, die Teil des alten, in der Bibel beschriebenen, israelitischen Königreichs waren. Die Stadt Eilat des modernen Israel ist zum Beispiel ausgenommen, weil sie nicht innerhalb der ursprünglichen Grenzen liegt. Die Gründe für ein Schabbat-Jahr der Felder sind vielfältig, einer davon ist es, den Bauern Zeit für Thora-Studien zu geben.

Das Gesetz sieht auch vor, dass alle Früchte des einjährigen Brachlands, die aus eigenem Antrieb wachsen, von jedem, der sie möchte, gepflückt werden können, da in dieser Zeit das Ackerland als „herrenlos“ (Hefker) gilt.

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Landwirte, die die Schwita-Regeln einhalten, erhalten vom israelischen Staat aus einem Ausgleichsfond Kompensationszahlungen für den Ernteverlust. Diese gleichen aber den wirtschaftlichen Verlust jnicht vollständig aus. Um dem religiösen Gesetz gerecht zu werden, haben sich daher die Eigentümer von Ackerland mit dem Rabbinat Lösungen überlegt, eine Bewirtschaftung möglich zu machen. Den Luxus keine Ernte zu haben scheint bei einer stetig wachsenden hungrigen Bevölkerung als unmöglich und würde zu schweren wirtschaftlichen Belastungen führen. Gelehrte Rabbiner stimmten verschiedenen Sonderregelungen (Heter) zu, um zu ermöglichen, Land während des Ruhejahres zu nutzen, wobei es sich jeweils um Notfallmaßnahmen handelt. So können die Felder im Rahmen einer kommunalen Vereinbarung in den Besitz des Otzar Beit Din übertragen werden. Dies ist ein jüdisches Gericht, das die Verantwortung für die Felder übernimmt und die Produkte nach vorgeschriebenen Regeln vermarktet und verkauft. In früheren Jahrhunderten hat das Gericht externe Arbeiter (d. h. nicht die Eigentümer) beschäftigt, um die Produkte zu ernten und sie dann an Bedürftige verteilt. In der heutigen Version dieser Praxis stellt das Gericht die eigentlichen Feldbesitzer ein, um die Ernte einzubringen und die Produkte für die Arbeitskosten an die Öffentlichkeit zu verkaufen. Der Vorteil dieses Systems besteht darin, dass es dem Landwirt ermöglicht, die Produkte zu ernten, während man das Gebot befolgt und dadurch die Kaschrut des Landes und der Früchte bewahrt. Daher ist der Verzehr dieser Lebensmittel eine Mizwa, was auch bedeutet, dass alle übrig gebliebenen Lebensmittel respektvoll entsorgt werden müssen.

Diese Praktik wird von einigen Großbetrieben in Israel angewendet, beispielsweise vom drittgrößten Weinproduzenten Israels, der„Golan Heights Winery“. Zwar findet die Lese der Weintrauben im Brach-Jahr unter besonderen Auflagen statt, der Boden darf jedoch in dieser Zeit von den Winzern weder gedüngt noch umgegraben werden und die Weinstöcke werden nicht beschnitten oder anderweitig bearbeitet.

Eine andere Möglichkeit die Felder weiter zu bestellen ist, ähnlich dem Verkauf von Chamez zu Pessach, einen „temporären“ Verkauf des Landes an einen Nichtjuden durchzuführen (Heter Mechira). Trotz des allgemeinen Verbots, israelisches Territorium an einen Nichtjuden zu verkaufen, darf man in einem Schwita-Jahr israelisches Land vorübergehend an einen Nichtjuden verkaufen, wenn der Zweck darin besteht, die jüdische Besiedlung des Landes zu stärken. Die Sonderregelung sieht sogar vor, dass Juden diese Felder bearbeiten dürfen.

Alle Sonderregelungen für das Schwita-Jahr haben starke Unterstützung in der halachischen Literatur, auch wenn sie alle umstritten bleiben.

In den letzten Jahren wurden auch weitere Möglichkeiten für die Anwendung der Sonderregelungen perfektioniert. Darunter sind z. B. die frühe Aussaat von Gemüse vor Rosh Hashana, also vor dem Beginn eines Schwita-Jahres oder der Anbau von Pflanzen durch Hydroponik, das sind erdlose Systeme. Das Schwita-Gesetz bezieht sich nämlich auf Pflanzungen in die Erde. Die erste vollautomatische Hydrokulturfarm wird im Kibbutz „Hafetz Chaim“ in Agudat betrieben und in Ein Gedi gibt es weitere Hydroponikfarmen, die Wasserkulturen in einem Kiesbett verwenden. Da die Produkte in geschlossenen Gefässen und ohne Erde wachsen, behaupten viele Gelehrte, dass diese Technologie nicht unter die für Felder bestimmten Schwita-Beschränkungen fällt. Andere halten die Hydroponik Technologie für problematisch, weil sie glauben, dass das Verbot alle landwirtschaftlichen Methoden umfasst, die regelmäßig in der heutigen Gesellschaft verwendet werden.

Streng gläubige Konsumenten haben auch die Möglichkeit, Obst und Gemüse von Nichtjuden zu kaufen. Das ganze Jahr über erscheinen regelmäßig Anzeigen in Zeitungen, Listen von Geschäften, in denen es erlaubt ist, Obst und Gemüse im Schwita-Jahr zu kaufen, und es gibt Ladenketten, die nur arabische oder importierte Produkte vermarkten. Einige Juden kaufen ihr Obst und Gemüse auf dem arabischen Markt in Ost-Jerusalem oder reisten in der Vergangenheit in arabische Städte, wo sie sicher waren, dass die Produkte nicht auf jüdischem Boden angebaut wurden. Das kann aber durch die angespannte politische Situation gefährlich sein. Es gibt auch die Möglichkeit die Produkte aus dem Ausland zu importieren, einschließlich der Gebiete in Gaza. Viele Religionsgelehrte haben jedoch argumentiert, dass dies eine problematische Lösung ist, da sie ausländische Konkurrenten stärkt und manchmal Israels Feinde unterstützt. Dennoch steckt im Schmita-Jahr ein kleiner Hoffnungsfunke für die beidseitige Annäherung der arabischen Nachbarstaaten mit Israel. Besonders für die chronisch kränkelnde palästinensische Wirtschaft ist der Warentransfer mit Lebensmitteln ein Lichtblick. Wie bereits in den letzten Schmita-Jahren, schloss das israelische Agrarministerium auf höchster staatlicher Ebene ein Lieferabkommen für landwirtschaftliche Erzeugnisse mit Jordanien ab. Die Einhaltung der religiösen Vorschriften wird aktuell von Kaschrut-Aufsehern auf den Feldern kontrolliert. Das wiederum verursacht höhere Kosten, weil die jüdischen Kontrolleure arabische Gebiete betreten müssen und besondere Schutzmaßnahmen notwendig sind.

Eine besondere Überlegung zum Schwita-Jahr findet von religiösen Gelehrten zu Cannabis statt. Israel ist eines der erfolgreichsten Länder im Anbau und Export von medizinischem Cannabis. 2020 konsumierte der durchschnittliche israelische Patient monatlich 35 Gramm Marihuana – oder 420 Gramm jährlich. Die Diskussion hängt von einigen Faktoren ab, die versuchen festzulegen, wie Cannabis angebaut wurde, ob es als Lebensmittel kategorisiert wird und ob die Ernte für medizinische Zwecke erfolgt ist. Wenn der Anbau von Cannabis oberirdisch in Gewächshäusern erfolgt ist, dann wäre die Ernte von den Gesetzen der Schwita ausgenommen. Für eine Ausnahme spricht auch, dass medizinisches Cannabis für Kranke verwendet wird und daher nicht als essbares Produkt, sondern als Medikament betrachtet wird.

Neben jüdisch religiösen Vorschriften kennen auch andere Kulturen das System der Brachejahre in der Landwirtschaft. Vor allem wird ein Jahr ohne Anbau in Gebieten praktiziert, deren ökologische Rahmenbedingungen eine Bodennutzung ohne Regenerationsphasen eine Bodenverarmung verursachen würden. Geographisch sind das weite Teile der Tropen und Subtropen, deren Böden nur geringe Nährstoffspeicher aufweisen. Ohne Regenerationszeiten würde der Boden schnell und nach wenigen Jahren landwirtschaftlich nicht mehr nutzbar sein.

Ein Jahr ohne Anbau reichert die Erde mit Humus an und bringt eine allgemeine Verbesserung des Wasserhaushaltes. Außerdem wird die Grundwasserneubildung gefördert.

 

 

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Letzte Änderung amMittwoch, 15 Juni 2022 15:56
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