Musik ist mein Zuhause
Musik ist mein Zuhause
Foto: Mia Zabelka by Peter Purgar
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Ihre USA- und ihre Japan-Tournee mussten Corona bedingt abgesagt werden. Die Musikerin Mia Zabelka über jüdische Tradition, ihre Violine und ihr geliebtes Klanghaus in Untergreith, einem Zentrum für experimentelle Musik und intermediale Kunstformen.

Nicht nur im Hausarrest in Corona-Zeiten fühlt sich die in der Steiermark lebende Musikerin Mia Zabelka alleine. Befragt nach dem jüdischen Leben heute, meint sie, dass ihre Art Violine zu spielen  in New York viel anerkannter sei als in Österreich. „Es ist noch immer schwierig akzeptiert zu werden, es gibt in Österreich eine unbewusste Abneigung auf verschiedenen Ebenen. In Amerika gibt es sehr viele jüdische Musiker, die jüdische Avantgarde-Musik-Szene ist total integriert.“ Sie bringe die Musik auf eine andere Ebene, „nicht mehr die Folklore-Tradition“, sondern neu und improvisiert: „Nämlich in Geräuschen und Schwingungen“. Ihre leider früh verstorbenen Eltern förderten sie sehr. Zabelka besuchte die Musikschule am Czerninplatz im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Ihr Vater liebte die Klassik. „Als die Wiener Staatsoper nach dem Krieg endlich wieder eröffnet wurde, stellte er sich drei Tage an, um einen Stehplatz für Fidelio zu ergattern. Die Freiheitsoper.“ Ihre Mutter brachte sich selbst mit auf den Küchentisch gemalten Tasten das Klavierspielen bei. Als sie viel später einen Flügel erhielt, konnte sie schon spielen.

Alle Nachbarn dabei

„Unsere Avantgarde-Musik hört die ganze Gegend“, lachte Mia Zabelka noch bei einem Besuch im Klanghaus in Untergreith, einem Zentrum für experimentelle Musik und intermediale Kunstformen.   „Aber in zwölf Jahren gab es keine einzige Beschwerde. Dabei ist die experimentelle Musik doch gewöhnungsbedürftig. Alle Nachbarn sind dabei. Am Anfang kamen sie aus Höflichkeit, aber jetzt sitzen sie mit geschlossenen Augen und hören zu. Ohne Publikum kann man das ja nicht machen.“
Viermal im Jahr gibt es Klangfestivals mit internationalem Charakter. Meistens auf der Wiese, mit den sanft geschwungenen Hügeln im Hintergrund als Kulisse, im Winter jedoch im Klanghaus selbst, einem spanisch wirkenden Landhaus, das innen aus einem einzigen Raum besteht. Dann wird ein Vorhang vor die Küchenzeile gespannt. Es ist ein erstaunliches Ereignis für alle Zuseher, wenn Zabelka zum Beispiel die örtlichen Feuerwehrmänner dirigiert, die einen Chor singen. Nach der anstrengenden Avantgarde-Musik scheinen alle Dorfbewohner sehr erleichtert zu sein, denn es wird bis tief in die Nacht heftig getanzt, zu italienischen Schlagern aus den 70er Jahren.

Wurzellos sein

Vor zwanzig Jahren fuhr Mia Zabelka mit der Ö1-Journalistin Sabine Derman in das Dorf Temice  an der slowakischen Grenze in Mähren, aus dem ihre Vorfahren stammen. Ihre Tante arbeitete dort in einem Kulturzentrum. Es gab eine starke jüdische Community. Ihre Urgroßtante Jarmila erzählte ihr, dass ihre Familie eine große Tradition als Wandermusiker hatte. Inklusive Verbindungen zu Roma-Musikern. Über Facebook ist sie noch immer mit Temice verbunden. „Es ist schon extrem so alleine zu sein. Wenn man seine Wurzeln nicht kennt, familiär bedingt wurzellos ist“, trauert sie in Corona-Zeiten - der dörflichen Gemeinschaft, aber auch der von internationalen Musikerinnen und Musikern beraubt. Es sei schon sehr gut, dass sie die Musik habe, denn „die Musik ist mein Zuhause“. Aber das „Gefühl der Verlassenheit“ kennzeichne sie: „Es fehlt doch etwas. Man merkt den Verlust. Es ist eine tiefe klaffende Wunde.“ Sie besitzt nur noch die Fotoalben ihrer Eltern Adele und Michael.
Es war eine wichtige Entscheidung in die Steiermark zu ziehen: „Wir tun nicht das Landleben romantisieren, sondern es geht um Ruhe, um Verlangsamung der Zeit,  die man eben für das Komponieren braucht. Unser Anliegen ist es, Kunst in die Vororte und aufs Land zu bringen, nicht nur in den urbanen Bereich. Hier leben Menschen, die auch Kunstzugänge haben, aber andere“, meint die Musikerin. Das nächste Klangfestival kommt bestimmt. Mit wildem Avantgarde-Abtanzen auf der Terrasse.

https://klang-haus.at/de/home-2/

Autorin: Kerstin Kellermann

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