„Wenn ich in Israel lebe, wohin fahre ich dann auf Urlaub?!“
„Wenn ich in Israel lebe, wohin fahre ich dann auf Urlaub?!“
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Ein bucharischer Junge über seine Schule, sein Leben in Österreich und über seine große Liebe Tel Aviv. Im bucharischen Viertel in Tel Aviv lernten sich seine Eltern kennen. Nun unterstützt der Sohn seinen Vater in dessen gut sortierten Gemischtwarenladen.

Wenn man den großen Laden in einem Wiener Außen-Bezirk betritt, gehen einem die Augen über: Schwimmutensilien für Kinder, Email-Becher, Siebe in allen Größen, Schriftblöcke, Handtücher – Hundertausend sorgsam ausgesuchte Gegenstände. Es ist ein Geschäft in direkter Nachfolge der typischen jüdischen Gemischtwarenläden vor dem Zweiten Weltkrieg, die buchstäblich alles führten, was ein Haushalt so braucht. Hinter der Kassa sitzt ein Junge mit einer Kippah auf dem Kopf und schaut in sein Handy. Der Vater gibt die Einwilligung zu einem kleinen Interview in der Aida gegenüber. Wie interviewt man einen lakonisch aussehenden Jugendlichen, der sich wohl vorgenommen hat, nicht zu viel zu reden? „Was ist das Spezielle an der bucharischen Ausdrucksart der Religion?“ „In der bucharischen Synagoge gibt es eine andere Melodie“, sagt er, „die Worte werden viel länger ausgesprochen, sehr melodiös, die Melodien sind schon seit Jahrhunderten sehr langgezogen. Jemand, der bei den Aschkenasi beten geht, würde das wohl nicht einmal zehn Minuten aushalten. Bei den Aschkenasi wirkt alles viel zackiger.“ Ein kleines Lächeln leuchtet in seinen Augen.

Hand in Hand

Wir reden über Babylon, Usbekistan, Russland und über Afghanistan, wo früher auch Juden lebten. Seine Mutter ist in Wien geboren, wanderte mit ihrer Familie nach Israel aus und kam im Jahre 2000 wieder zurück nach Österreich. „Das jüdische Leben ist sehr gut in Wien“, meint der Fünfzehnjährige. Er selbst will sich eher wirtschaftlich fortbilden und besucht nun die Handelsakademie. „Ich mag Unternehmensrechnung so sehr. Ich hatte nie Probleme, alles gut hier in Wien.“ Seine Klassenkameraden seien „alles voll Türken“, aber die wären alle „cool drauf“. Er  besucht auch die Jugendorganisation „Hand in Hand“ der bucharischen Gemeinde. „Dort trifft man sich jeden Samstag und Sonntag. Im Sommer fahren wir mit Hundert Kindern nach Italien oder Kroatien. Wir lernen über die Feiertage und bauen und basteln etwas.“ Zuhause redet er hebräisch mit den Eltern. Bucharisch, das ähnlich wie persisch klingt - „aber ein Iraner würde das nicht verstehen“ - kann er selbst nicht sprechen, aber verstehen. Die Jugendlichen würden sich oft in einem Gemisch aus hebräisch und deutsch unterhalten.

Große Liebe Tel Aviv

„In Tel Aviv gibt es ein bucharisches Viertel. Dort kannte man sich und hat man gewohnt. Dort haben sich die Eltern kennengelernt.“ Sein Vater arbeitete in einer Jeansfabrik. Sein Opa ist jung gestorben. Sein Onkel kaufte mit seinem besten Freund einige Geschäfte in Wien und gab auch seinem Vater eines. „Wien gefällt mir wirklich“, sagt der Jugendliche und auf die Frage, ob er nicht lieber in Tel Aviv leben würde, sagt er: „In Tel Aviv ist alles stimmig. Alle sind voller Action. Es gibt das Meer, schöne Hotels, koscheres Essen - du kennst dich aus. Du weißt, wo es den besten Dönerladen gibt. Israel bedeutet Erholung.“ Kurzes Nachdenken. „Wenn ich in Israel leben würde, wohin fahre ich dann auf Urlaub?!“, ruft er. Dann muss er selbst lachen. In Österreich gefällt ihm, dass „alles nach Plan“ sei.
Noch einmal nach der Bedeutung der Religion für ihn gefragt, ruft er zweimal „Ohne Religion bist du ein nackter Mensch!“, genauer kann er sein Gefühl nicht ausdrücken. Aber man versteht gut, wie er das meint. Sein Land und seine Heimat wäre auf jeden Fall Israel, auch wenn er in Österreich lebt und die bucharischen Juden beten „jeden Montag und Donnerstag und an Sabbath ein spezielles Gebet für das ganze israelische Volk, nicht nur an Feiertagen wie die Aschkenasi“.

 

Autorin: Kerstin Kellermann

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