Die Vielfalt jüdischen Lebens
Die Vielfalt jüdischen Lebens
(c) Florian Fusco
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Im Hof fahren zwei in ihr Spiel vertiefte Kinder mit ihren kleinen Fahrzeugen im Kreis. Der Sicherheitsdienst von ESRA – dem Psychosozialen Zentrum in der Wiener Leopoldstadt - schaut aus dem Fenster. Maske und Pass aquired. Peter Schwarz, der langjährige Geschäftsführer von ESRA, kommt samt Mund und Nasen-Schutz an die frische Luft.

Das Psychosoziale Zentrum ESRA, das 1994 gegründet wurde, besuchen Menschen jeglichen Alters, Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die zweite und dritte Generation von NS-Überlebenden, Zuwanderer – alle sind hier vertreten. Für die Risikopatienten, wie die als Kinder Versteckten, gibt es derzeit Hausbesuche.
Peter Schwarz arbeitet schon seit Jahrzehnten hier, ESRA stellt quasi sein zweites Zuhause dar.
Wie hat sich das jüdische Leben in den letzten 20, 30 Jahren verändert? „Das jüdische Leben ist vielfältiger geworden. Es gibt inzwischen eine andere Struktur, das ist deutlich zu sehen. Früher gab es nicht mehrere koschere Lokale und Geschäfte. Von den Zuwanderern aus der damaligen Sowjetunion gab es überhaupt keine eigenen Bethäuser oder Synagogen“, antwortet Herr Schwarz. „Das änderte sich sehr, als 1992 das Sephardische Zentrum mit großer bucharischer und kleinerer georgischer Synagoge hier in der Tempelgasse eröffnet wurde. Das war ein ganz großer Schritt. Es wird von Jüdinnen und Juden, die ihren Ursprung in Usbekistan oder Georgien hatten, besucht.“

Beim Ankommen helfen

Es kamen damals sehr viele Zuwanderer nach Wien. Wie funktionierte die Integration? Peter Schwarz: „Rückblickend betrachtet, funktionierte Integration weitestgehend gut. Mit großen Anstrengungen der Zuwanderer und Unterstützung durch Freiwillige, der Israelitischen Kultusgemeinde und eben ESRA. Das heißt aber nicht, dass sie beendet ist. Bei manchen ist psychosoziale Unterstützung notwendig – es werden sozialarbeiterische, medizinische und psychotherapeutische Leistungen gebraucht. Der Bedarf an sozialer Arbeit war und ist weiterhin sehr groß. Ganz wichtig war es, den Menschen beim Ankommen zu helfen. Heute geht es darum, ihre weitere Entwicklung zu unterstützen. Ein grundsätzlicher Aspekt unserer Arbeit ist es, dass eine stabile soziale Situation notwendig ist, um bei Bedarf Behandlungen durchführen zu können. Jemand, der in prekärer wirtschaftlicher Situation ist oder in ungeklärter Situation, was den Aufenthalt betrifft, kann schwer therapeutisch behandelt werden.“ Die Eltern von Peter Schwarz waren in den 1970er Jahren Teil einer Gruppe, die sich „Gruppe der 39“ nannte. Der Sohn resümiert heute: „Die Gruppe der 39 bestand aus Menschen, die entweder selber ursprünglich flüchten mussten oder einfach ein großes Verständnis hatten, was Flucht oder die Heimat verlassen bedeutet. Großes Engagement und Effizienz kennzeichnete sie, aber natürlich nicht in einer professionellen Weise. Solche Initiativen waren mit Gründung von ESRA nicht mehr notwendig.“

Mehr Offenheit

Die Frage „War die Gruppe der 39 so eine Art Vorläuferorganisation von ESRA?“ bietet sich an. Die Antwort: „Es gab eigentlich keinen Zusammenhang. ESRA wurde 1994 gegründet, da war die Gruppe schon nicht mehr aktiv. Mein Vater ist 1991 gestorben und diese Gruppe hatte ihre größte Aktivität wohl in den 70er und 80er Jahren. Die Mehrzahl der Zuwanderer wanderte aus der damaligen Sowjetunion über Wien nach Israel aus und dann nach mehreren Jahren von Israel nach Wien. Die Gegebenheiten in Österreich waren gut, es gab ein relativ gutes soziales Netz und die Politik war offener als heute gegenüber Zuwanderern.“ Für die Rückkehr aus Israel gab es ganz unterschiedliche Gründe. „Ein Hauptgrund war, dass hier eine kleine Gruppe Fuß gefasst hatte und es wirtschaftliche Möglichkeiten gab. Sie gingen als Händler, Flickschuster, Schlosser – etliche hatten auf Märkten ihre Stände. Mein Vater arbeitete im einem Textilmeterwaren-Handel und hatte dort die Möglichkeit, Menschen in Saisonjobs unterzubringen.“ 

Jüdische Identität

Ein ganzes Berufsleben bei ESRA: „Sehen Sie Ihre Arbeit im Zusammenhang mit der Geschichte Ihres Vaters? Oder in Verbindung mit der Widerstandsfähigkeit in der Gesellschaft von Oma und Mutter, die in Gestapo-Haft gefoltert wurden?“ Peter Schwarz: „Es ist mir nicht möglich, den Hintergrund meines Lebenswegs an einzelnen Aspekten der Leben meiner Eltern festzumachen. Sicher ist das Leben meiner Eltern entscheidend für die Erziehung meiner Schwestern und mir.  Jedenfalls sehe ich meine Arbeit bei ESRA im Zusammenhang mit dem sozialen Anspruch und Gewissen meiner Eltern, die diese und andere Werte versuchten uns zu vermitteln. Meine Sichtweise ist, dass man nicht für sich alleine lebt und die Verpflichtung hat, sich um Schwächere und das Wohl anderer Menschen zu kümmern. Gerade, wenn es einem selber gut geht und man Möglichkeiten hat, anderen zu helfen. Aber das möchte ich auch nicht zu verklärt sehen. Viele Menschen leisten wichtige, wertvolle Arbeit, die keinen sozialen oder wohltätigen Hintergrund hat. Unser System würde nicht funktionieren, wenn es nicht alle möglichen Berufsfelder gäbe. Ich sehe es aber als Privileg, meine Aufgabe in ESRA erfüllen zu können.“ Und noch eine letzte Frage: „Ist Ihr Blick auf das jüdische Leben durch Ihre Arbeit bei ESRA beeinflusst?“ Die spannende Antwort: „Ich habe ja, wie jeder Mensch, viele Identitäten. Jude zu sein, ist eine davon, aber nicht die einzige. Ich bin auch Teil einer Ursprungs- und heutigen Familie. Ich identifiziere mich auch über meinen Beruf und die Ziele von ESRA. Ich habe eine politische Identität. Ich könnte noch einiges mehr aufzählen, was zu meiner Identität gehört. Bei ESRA lernte ich zwei Dinge: Wie vielfältig jüdisches Leben ist und das es nicht nur ein jüdisches Leben oder eine jüdische Kultur gibt. Ich wusste das in der Theorie, aber hier sehe ich täglich so viele unterschiedliche Menschen. Ich erlebe die Vielfalt, von der ich wusste, dass es sie gibt.“

 

Autorin: Kerstin Kellermann

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